News

Leitfaden: Wissensmanagement in Unternehmen

Überblick

Wissensmanagement ist kein Wiki-Projekt, sondern die Fähigkeit eines Unternehmens, relevantes Wissen zu erkennen, verfügbar zu machen und im Alltag verlässlich zu halten. Die Schwierigkeit liegt fast nie beim Speichern von Daten, sondern bei Kontext und Nutzung: Finden deine Mitarbeitenden, was sie brauchen, wenn sie es brauchen? Und können sie sich darauf verlassen, dass das gespeicherte Wissen noch aktuell ist?

Was ist Wissensmanagement?

Wissensmanagement beschreibt den systematischen Umgang eines Unternehmens mit dem Wissen seiner Mitarbeitenden. Ziel ist nicht, endlose Datenbanken mit Informationen zu füllen, sondern relevantes Wissen zu identifizieren und nutzbar zu machen. Dadurch wiederum können Führungskräfte und Mitarbeitende bessere Entscheidungen treffen und effizienter arbeiten.

Wissen ist nicht gleich Wissen

Willst du Wissensmanagement in deinem aufbauen, musst du zunächst zwischen Daten, Informationen und Wissen unterscheiden:

  • Daten: Fakten ohne Kontext – zum Beispiel: „42 Tage
  • Informationen: Daten, die in einem Zusammenhang gesetzt wurden – zum Beispiel: „42 Tage bis zur Übergabe
  • Wissen: Informationen, die durch Erfahrungswert, Bewertungen und Kontext handlungsrelevant werden – zum Beispiel: „Wir haben 42 Tage bis zur Übergabe, aber die reichen nicht – wir brauchen erfahrungsgemäß mindestens 90 Tage zur Einarbeitung, sonst leidet die Qualität.

Welche Arten von Wissen gibt es?

In der Fachliteratur gibt es verschiedene Ansätze, Wissen zu kategorisieren. Diese vier Arten von Wissen solltest du auf jeden Fall kennen:

  1. Explizites Wissen: Dokumentiert, strukturiert, übertragbar. Es lässt sich aufschreiben, speichern und teilen. Handbücher, Prozessbeschreibungen, Checklisten.
  2. Implizites Wissen: Erfahrungswissen, Kontextwissen, Entscheidungslogik. Lebt in Köpfen und wird selten aufgeschrieben, oft weil es die Wissensträger:innen selbst gar nicht als „Wissen“ wahrnehmen. Genau deshalb ist es so wertvoll und gleichzeitig so schwer zu sichern.
  3. Deklaratives Wissen: Das „Was“. Faktenwissen, Definitionen, Regeln und Zusammenhänge, die man benennen kann.
  4. Prozedurales Wissen: Das „Wie“. Abläufe, Handgriffe, Routinen, die durch Wiederholung zur zweiten Natur werden.

Wie implizites Wissen überhaupt sichtbar wird, beschreibt das SECI-Modell von Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi (1995) recht anschaulich:

Abbildung des SECI-Modells, das den Wandel von implizitem zu explizitem Wissen veranschaulicht
  • Sozialisation: Wissen wird durch gemeinsames Erleben weitergegeben. Etwa, wenn neue Mitarbeitende bei ihren Kolleg:innen mitlaufen und sich alles mal anschauen.
  • Externalisierung: Das Erfahrungswissen wird in Worte gefasst. Zum Beispiel, wenn ein:e Expert:in im Interview erklärt, warum sie eine Entscheidung getroffen hat. Hier wird implizites Wissen zu explizitem Wissen.
  • Kombination: Vorhandenes, bereits dokumentiertes Wissen wird neu zusammengesetzt. Zum Beispiel, wenn du aus verschiedenen Einzelberichten einen Best-Practice-Leitfaden für das Team zusammenstellst.
  • Internalisierung: Dokumentiertes Wissen wird durch Anwendung verinnerlicht. Etwa, wenn Mitarbeitende deinen Leitfaden lesen und daraus mit der Zeit wieder eigene Routinen entwickeln. Das explizite Wissen wird damit wieder implizit.

Das SECI-Modell bettet Wissen in einen Kreislauf ein, der sich wiederholt und die Wissensbasis deines Unternehmens stetig erweitert.

Für den Alltag solltest du aus diesem Modell vor allem eines mitnehmen: Der Schritt, an dem die meisten Unternehmen scheitern, ist die Externalisierung – also implizites Wissen überhaupt erst in eine Form zu bringen, die andere nutzen können. Genau das ist auch der Grund, warum reines Dokumentieren nicht reicht. Wie sich implizites Wissen konkret erschließen lässt, behandeln wir vertieft im Artikel Implizites Wissen sichern.

Warum brauchen Unternehmen Wissensmanagement?

Unternehmen brauchen Wissensmanagement, damit

  1. kritisches Wissen nicht verschwindet, wenn Mitarbeitende das Unternehmen verlassen. Ungehinderter Wissensverlust durch Fluktuation, Renteneintritt, Unternehmensskalierung oder Unternehmensübergaben ist real – und teuer.
  2. bereits dokumentiertes Wissen nutzbar wird. Niemandem ist geholfen, wenn wichtige Informationen 14 Ebenen tief in Sharepoint vergraben sind, versteckt hinter einem kryptischen Dateinamen.

Beide Aspekte laufen in der Praxis auf dieselbe Frage hinaus: Ist dein Unternehmen von einzelnen Wissensträger:innen abhängig, oder funktioniert auch dann noch alles, wenn diese Personen mal nicht verfügbar sind? Das betrifft den laufenden Betrieb genauso wie Sondersituationen.

Schauen wir uns das mal am Beispiel einer Unternehmensnachfolge an, bei der das kritische Wissen noch immer im Kopf des Gründers steckt. Wenn der ohne vorherigen Wissenstransfer geht, hat das Folgen für alle Beteiligten:

  • Für den übergebenden Unternehmer: Ein Unternehmen, das stark an einzelne Wissensträger:innen gebunden ist, wird niedriger bewertet. Strukturiertes Wissen schützt den Unternehmenswert und das Lebenswerk, macht das Unternehmen also erst übergabereif.
  • Für Käufer:innen und Investor:innen: Ohne Wissenstransfer brauchen neue Führungskräfte Monate, um handlungsfähig zu werden. Das kostet Zeit, Geld und Vertrauen im Team.
  • Für Mitarbeitende: Wenn Erfahrungswissen im Unternehmen bleibt, bleiben Stabilität und Orientierung erhalten.

Wie führe ich Wissensmanagement in meinem Unternehmen ein?

Den Rahmen legen

Das bekannteste Rahmenwerk für Wissensmanagement stammt von Gilbert Probst, Steffen Raub und Kai Romhardt (1999) und beschreibt sechs Kernprozesse – von der Wissensidentifikation bis zur Wissensbewahrung.

Abbildung des Bausteinmodells für Wissensmanagement

Die sechs Kernprozesse des Wissensmanagements:

  1. Wissensidentifikation: Welches Wissen existiert im Unternehmen? Wo steckt es? Wer trägt es? Viele Unternehmen wissen gar nicht, was sie wissen. Der erste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme.
  2. Wissenserwerb: Welches Wissen fehlt und muss von außen geholt werden? Das kann durch Einstellungen, Beratung, Schulungen oder Kooperationen geschehen.
  3. Wissensentwicklung: Neues Wissen entsteht intern, etwa durch Forschung, Experimente oder Erfahrung im Projekt. Hier geht es darum, Räume dafür zu schaffen.
  4. Wissensverteilung: Das richtige Wissen muss zur richtigen Person gelangen. Wissensverteilung umfasst alles von Einarbeitung über Mentoring bis hin zu durchsuchbaren Wissensdatenbanken.
  5. Wissensnutzung: Wissen hat nur dann Wert, wenn es angewendet wird. Dieser Baustein fragt: Wird das vorhandene Wissen tatsächlich in Entscheidungen und Prozesse einbezogen?
  6. Wissensbewahrung: Wie wird verhindert, dass Wissen verloren geht? Durch Dokumentation, aber auch durch Strukturen, die Wissen personenunabhängig machen.

Die zwei strategischen Klammern:

  • Wissensziele: Was soll das Wissensmanagement erreichen? Ohne klare Ziele wird es beliebig.
  • Wissensbewertung: Wurde das Ziel erreicht? Wie hat sich die Wissensbasis verändert? Ohne Messung bleibt Wissensmanagement ein Bauchgefühl.

Wissensmanagement praktisch einführen

Für den Alltag musst du dieses Modell nicht als eigenes Projekt abarbeiten. Es reicht, wenn du dich bei der Einführung von Wissensmanagement an diesen Punkten orientierst:

  1. Ziel definieren. Wissensmanagement ohne Ziel wird beliebig. Willst du Offboarding absichern, eine Übergabe vorbereiten oder Onboarding beschleunigen? Je konkreter das Ziel, desto klarer die Maßnahmen.
  2. Kritisches Wissen und Wissensträger:innen identifizieren. Frag dich: Was passiert, wenn morgen die drei wichtigsten Wissensträger:innen gleichzeitig ausfallen? Wer weiß etwas, das nirgendwo sonst steht?
  3. Verantwortlichkeiten und Anlässe festlegen. Wer pflegt welches Wissen? Und zu welchen Anlässen wird es erfasst – Onboarding, Offboarding, Projektabschluss? Ohne klare Zuständigkeit bleibt Wissensmanagement ein Nebenprojekt, das im Tagesgeschäft untergeht.
  4. Wissen erfassen und so strukturieren, dass Antworten auffindbar sind. Entscheidend ist nicht, möglichst viel zu dokumentieren, sondern dass Mitarbeitende später tatsächlich eine Antwort finden – nicht nur ein Dokument, das eine enthalten könnte.
  5. Aktualisierung und Nutzung in den Alltag einbauen. Wissen veraltet, und zwar schneller, als den meisten lieb ist: Prozesse ändern sich, Ansprechpartner:innen wechseln, Märkte entwickeln sich weiter. Ohne feste Review-Anlässe wird jede Wissensbasis innerhalb weniger Monate unzuverlässig. Genauso wichtig: Wird das Wissen überhaupt genutzt? Kennzahlen wie Time-to-Productivity neuer Mitarbeiter:innen oder der Abdeckungsgrad kritischer Rollen helfen dir, das zu prüfen.

Menschen, Organisation und Tools gleichwertig betrachten

Wissensmanagement scheitert selten an der Theorie. Die größere Gefahr liegt für dich darin, nicht alle drei Wissenssäulen gleichwertig zu behandeln: Menschen, Organisation und Tools.

Abbildung der 3 Säulen des Wissensmanagements: Menschen – Organisation – Tools
  1. Mensch und Unternehmenskultur (People): Wissensmanagement steht und fällt mit den Menschen. Wenn Mitarbeitende ihr Wissen nicht teilen wollen oder können, hilft kein Tool der Welt. Eine offene Wissenskultur bedeutet: Wissen teilen wird belohnt. Fragen stellen ist erwünscht, nicht peinlich. Und Wissensträger:innen bekommen Zeit und Raum, ihr Wissen weiterzugeben.
  2. Organisation und Prozesse (Processes): Wissen braucht Strukturen, damit es fließen kann. Dazu gehören klare Zuständigkeiten (Wer pflegt welches Wissen?), definierte Anlässe für Wissenstransfer (Onboarding, Offboarding, Projektabschlüsse) und Formate, die den Austausch fördern. Ohne organisatorische Verankerung bleibt Wissensmanagement ein Nebenprojekt, das im Tagesgeschäft untergeht („Lass uns das mal im Hinterkopf behalten“ – kennen wir alle).
  3. Technik und Tools (Technology): Tools unterstützen den Wissensprozess. Sie sind aber Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck. Ein Wiki ohne Nutzende ist wertlos. Ein KI-Tool ohne klare Struktur dahinter ebenso. Die richtige Technik senkt die Hürde, Wissen zu erfassen und abzurufen. Aber sie ersetzt weder Kultur noch Prozesse.

Typische Hürden im Wissensmanagement kennen und umschiffen

Wie so oft leider eine Menge. Wissensmanagement scheitert meistens an denselben drei Stolpersteinen:

  • Wissensmanagement wird als IT-Projekt an die Technik delegiert
  • es bleibt eine Zusatzaufgabe ohne Verantwortung
  • oder es scheitert an fehlender Pflege, sodass die Wissensbasis schnell veraltet.

Welche Hürden am häufigsten auftreten und wie du sie erfolgreich umgehst, klären wir im Artikel Warum Wissensmanagement scheitert.

Kann KI mich beim Wissensmanagement unterstützen?

Auf jeden Fall. KI verändert im Wissensmanagement vor allem einen Punkt: das Erfassen von implizitem Wissen. Klassisch musste sich für Wissenstransfer jemand hinsetzen und aufschreiben, was er oder sie weiß. Das ist super zeitraubend, und ganz ehrlich: Wer hat schon Lust, seitenweise Wissen runter zu schreiben? KI-gestützte Systeme können stattdessen im Gespräch nachfragen, Kontext einordnen und Lücken sichtbar machen, die sonst niemand bemerkt hätte.

Wichtig ist dabei eine nüchterne Erwartung: KI erleichtert Zugang und Erfassung, sie ersetzt aber weder Verantwortung noch Unternehmenskultur. Ein Tool, das niemand pflegt oder nutzt, bleibt wirkungslos – ganz gleich, wie gut die zugrunde liegende KI ist.

Genau hier setzen wir mit wingmaite an: Statt Wissen ausschließlich manuell dokumentieren zu lassen, führt unsere KI gezielte Gespräche mit Wissensträger:innen, strukturiert das Ergebnis und macht es per Chat abrufbar. Unser Ziel ist dabei nicht nur, einzelne Fakten zu speichern, sondern Informationen, Erfahrungswissen und Zusammenhänge zu einer Wissensbasis zu verbinden, sodass dein Unternehmen als Ganzes verständlich wird.

Du willst noch mehr über Wissensmanagement wissen?

Wissensmanagement entscheidet darüber, ob ein Unternehmen auch nach dem Weggang von Schlüsselpersonen funktioniert und ob neues Wissen effizient hinzukommt. Die Grundlagen sind gut erforscht; was sich verändert hat, sind die Werkzeuge, implizites Wissen überhaupt erst sichtbar zu machen.

In diesen weiterführenden Artikeln findest du noch mehr Informationen rund um Wissensmanagement und Wissenssicherung:

Oder schau dir direkt an, wie du dein Unternehmenswissen mit wingmaite sicherst: Demo buchen

Häufig gestellte Fragen

Wie fängt man am besten mit Wissensmanagement im Unternehmen an?

Nicht mit der Tool-Auswahl, sondern mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme: Wer trägt welches kritische Wissen, und was passiert, wenn diese Person morgen ausfällt? Daraus ergibt sich das Ziel. Erst danach solltest du über Methoden nachdenken.

Wie stellt man sicher, dass Wissen aktuell bleibt?

Über feste Review-Anlässe statt einmaliger Dokumentation: Wissen wird bei Prozess- oder Rollenwechseln aktiv geprüft, nicht nur einmal erfasst und dann liegen gelassen. Ohne diesen Rhythmus veraltet jede Wissensbasis innerhalb weniger Monate. KI-Tools für Wissensmanagement wie wingmaite helfen dir, Wissen automatisch aktuell zu halten.

Was ist der Unterschied zwischen Wissensmanagement und einer reinen Dokumentation?

Dokumentation erfasst vor allem explizites Wissen – Prozesse, Fakten, Checklisten. Wissensmanagement – sofern du es vollständig angehst – schließt zusätzlich implizites Erfahrungswissen ein und sorgt dafür, dass beides im Alltag auffindbar und aktuell bleibt.

Welche Rolle spielt Wissensmanagement bei einer Unternehmensnachfolge?

Bei Nachfolgen verschwindet oft das implizite Wissen der Gründer:innen. Strukturiertes Wissensmanagement sichert dieses Wissen vor der Übergabe, verkürzt die Einarbeitungszeit neuer Führungskräfte und schützt den Unternehmenswert.

Was versteht man unter Wissensmanagement im Unternehmen?

Wissensmanagement beschreibt das systematische Identifizieren, Bewahren, Weitergeben und Nutzen von Wissen in einer Organisation. Ziel ist, kritisches Know-how verfügbar zu halten, unabhängig von einzelnen Personen.

Was ist der Unterschied zwischen explizitem und implizitem Wissen?

Explizites Wissen ist dokumentiert und auffindbar: Handbücher, Prozessbeschreibungen, Datenbanken. Implizites Wissen lebt in Köpfen: Erfahrungen, Kontextwissen, Entscheidungslogik. Etwa 70 % des Unternehmenswissens ist implizit.